„Das Interview war vorbei, bevor es richtig begonnen hatte.“
Mit diesem Satz beginnt Lara Willie, erfahrene HR-Spezialistin aus Zürich, ihre Geschichte über die häufigsten Fehler, die Bewerber in der IT-Branche machen. Gemeinsam mit zwei weiteren HR-Experten – Jonas Berger aus Bern und Tanya Meier aus Basel – zeigt sie, worauf Unternehmen in der Schweiz heute wirklich achten und warum nicht die besten Programmierer, sondern die besten Kommunikatoren den Zuschlag bekommen.
Soft Skills schlagen Code-Kunst
In der Schweizer Tech-Szene reicht es längst nicht mehr, sauberen Code zu schreiben oder Frameworks auswendig zu kennen. Firmen suchen Persönlichkeiten, die sich in internationale Teams einfügen, klar und respektvoll kommunizieren und Verantwortung übernehmen. Bewerbungsgespräche sind keine reinen Fachprüfungen mehr – sie testen Haltung, Persönlichkeit und Teamgeist.
Lara Willie (Zürich): „Ich beende Gespräche nicht wegen fehlender Skills – sondern wegen fehlender Haltung.“

Fall 1: Der stille Perfektionist
Ein Kandidat beeindruckte mit einem makellosen Lebenslauf und einer brillanten Python-Demonstration. Doch als Lara ihn bat, seine Rolle in einem Teamprojekt zu beschreiben, blieb er wortkarg. Keine Details, keine Emotionen – nur Fakten. „Es war, als hätte er alles allein gemacht“, erinnert sich Lara.
Nach dem Gespräch war klar: fachlich top, menschlich zu distanziert.
Analyse: In Zürcher Start-ups zählt Teamarbeit fast so viel wie technisches Können. Wer seine Rolle im Team nicht erklären kann, wirkt unsicher. Gute Vorbereitung bedeutet, konkrete Geschichten zu erzählen – über Sprints, Konfliktlösungen oder Code-Reviews. Das zeigt Persönlichkeit und Kommunikationsfähigkeit.
Fall 2: Das Online-Chaos
Ein Bewerber führte sein Online-Interview aus einem lauten Café. Zwischen klappernden Tassen und schwachem WLAN bestellte er sogar Kaffee. Das Gespräch wurde zur Geduldsprobe – und zum Negativbeispiel.
Analyse: Virtuelle Interviews sind in der Schweiz Standard. Ein ruhiger Raum, stabiles Internet und gutes Licht sind Pflicht. Wer das nicht ernst nimmt, signalisiert mangelnde Professionalität.
Fall 3: Ehrlichkeit ohne Strategie
„Wo sehen Sie sich in drei Jahren?“
Die Antwort der Bewerberin: „In einer Firma, die besser bezahlt.“ Lara erzählt: „Ich habe das Interview nach wenigen Minuten beendet – nicht wegen der Antwort, sondern wegen der Haltung.“
Analyse: Ehrlichkeit ist wertvoll, aber sie braucht Takt. Statt über Geld zu sprechen, besser über Lernziele, Spezialisierung oder Führungsverantwortung reden. So bleibt man authentisch, ohne das Gespräch zu gefährden.
Jonas Berger (Bern): „Ein grosser Name ersetzt keine Eigenleistung.“

Fall 4: Ruhm ohne Substanz
Eine Bewerberin prahlte mit ihrer Erfahrung in einem internationalen Konzern, konnte aber keine konkreten Ergebnisse nennen. „Wir wollen keine Logos, sondern Leistungen“, sagt Jonas.
Analyse: In Bern erwarten Recruiter greifbare Resultate. Zahlen, Ergebnisse, konkrete Beiträge – das überzeugt mehr als grosse Namen.
Fall 5: Zuspätkommen ohne Meldung
Ein Kandidat kam 15 Minuten zu spät – ohne Bescheid. In der Schweiz ist das ein Zeichen mangelnden Respekts.
Analyse: Pünktlichkeit hat kulturellen Wert. Selbst eine kurze Nachricht zeigt Verlässlichkeit und Wertschätzung.
Tanya Meier (Basel): „Technik ist wichtig, aber der Mensch entscheidet.“

Fall 6: Fachwissen ohne Empathie
„Da habe ich das Interview beendet. Er war brillant, aber kein Teamplayer.“
Analyse: In der Schweizer Arbeitskultur zählen soziale Kompetenz und Authentizität. Freundlichkeit, Zuhören und Offenheit schaffen Vertrauen – selbst im Tech-Bereich.
Fall 7: Vergessene Erfolge
Ein Entwickler erwähnte zufällig, dass er einen Hackathon gewonnen hatte – es stand nicht im CV. Ein klassischer Fehler: Erfolge gehören sichtbar gemacht.
Analyse: Hackathons, Open-Source-Beiträge und Freiwilligenarbeit zeigen Leidenschaft. In der Schweiz wird das hoch geschätzt.
Fall 8: Lernen als Lebensstil
Eine Bewerberin brachte sich während der Pandemie das Programmieren selbst bei und präsentierte ihr GitHub-Portfolio. Ihre Motivation überzeugte mehr als jede Zertifizierung.
Analyse: Eigeninitiative zählt in der Schweiz doppelt. Wer aktiv lernt, signalisiert Leidenschaft und Zukunftsorientierung.
Fazit
Die Geschichten von Lara Willie, Jonas Berger und Tanya Meier zeigen deutlich: Schweizer IT-Interviews prüfen mehr als technisches Wissen. Kommunikation, Haltung, Flexibilität und Empathie sind entscheidend.

Laras Rat: „Der beste Code ist wertlos, wenn niemand mit Ihnen arbeiten will.“
